Hotline: +49 30 555 7053 0 (Montag bis Freitag | 09:00 - 18:00 Uhr)

Anmelden
DE | en |

Beratung zur Zweitmeinung

+49 30 55570530

Montag - Freitag | 09:00 - 18:00 Uhr

Direkt zur Zweitmeinung

13. April 2017

Eine Operation sollte immer das letzte Mittel der Wahl sein.
Ein Kommentar Dr. Jan-Christoph Loh, Geschäftsführer von Medexo GmbH

Vor wenigen Wochen veröffentlichte die Welt am Sonntag einen Artikel zum Stand der Dinge in Sachen Operationszahlen und Zweitmeinung in Deutschland. „Falsch gelenkt“ titelte das Blatt. Ein Wortspiel, das auch gut eineinhalb Jahre nach der gesetzlichen Verankerung des Zweitmeinungsrechts zutrifft. Der Grundtenor des Artikels gleicht dem, was Prof. Hans Pässler, Gründer des Zweitmeinungsportals Medexo, bereits seit 2011 beobachtete: an Knie, Rücken und Schulter wird zu viel operiert. Dies allein scheint nicht verwerflich, wären es nicht häufig falsche Motivationen, die zu einer Operation führen. Mit dem gestiegenen ökonomischen Druck in Krankenhäusern wächst jener nach mehr Umsatz und möglichst kostspieligen Behandlungen. Zerrissen zwischen Fürsorge und Wirtschaftlichkeit werden Entscheidungen getroffen, die am Interesse des Patienten vorbeiführen. Denn der sehnt sich schon lange nicht mehr nach Heilung um jeden Preis, sondern auch nach einem möglichst schonenden Weg dorthin.

Ärzten fehlt die Moral, Patienten die Geduld?

Ein Interessenskonflikt, denn konservative Behandlungsmethoden spülen kein Geld in die Kassen der Krankenhäuser. Darüber täuscht auch nicht der Argumentationsansatz hinweg, die hohen Operationszahlen kämen vor allem durch die Gebrechlichkeit der alternden Bevölkerung zustande. Dieser Umstand mag die Zahlen relativieren. Sie entbehren jedoch nicht der Tatsache, dass wirtschaftlich getriebene Interessen häufig auf dem Rücken der Patienten ausgetragen werden – und das buchstäblich. Denn Studien u. a. von der Techniker Krankenkasse zeigten, dass beispielsweise bis zu 90% der Rücken-Operationen unnötig waren. 2016 berichtete die Barmer GEK, dass sich die Zahl der Eingriffe an der Wirbelsäule zwischen 2006 und 2014 bundesweit auf gut 780.000 verdoppelt hätte. Dabei ist der Körper in der Lage, Rückenprobleme in 90% der Fälle selbst auszugleichen. In Zeiten ungebremster Beschleunigung und nichtendender Zeitnot fehlt Patienten häufig die Geduld für eine alternative Form der Genesung. Da werden auch Wirbelsäulenversteifungen in Kauf genommen. Ähnliche Entwicklungen sieht man bei Knieoperationen oder auch Hüftgelenk-OPs.

Die medizinische Zweitmeinung braucht mehr Fürsprecher

Wir beobachten bei Medexo eine zunehmende Verunsicherung beim Thema Operationen, insbesondere bei den jüngeren Generationen. Das liegt zum einen am freien Zugang zu medizinischen Informationen im Netz. Zum anderen haben Krankenkassen die Rolle des aktiven Aufklärers übernommen und die ärztliche Zweitmeinung in ihr Serviceprogramm integriert. Die öffentliche Wahrnehmung zum Thema Zweitmeinung erfährt eine Renaissance, endlich. Doch es gibt noch viel zu tun. Denn einer der Hauptbotschafter für die Zweitmeinung ist der erstbehandelnde Arzt selbst. Ihm muss es gelingen, von der traditionellen, althergebrachten Wahrnehmung des Alleswissers und Alleskönners abzukehren. Dieses Bild ist nicht mehr zeitgemäß. Den „Dr. House“ gibt es nicht. Vielmehr noch: es ist fatal an diesem Glauben festzuhalten oder diese exponierte Erwartungshaltung an Ärzte heranzutragen. Es braucht einen Akt der Befreiung – auf Seiten der Ärzte und der Patienten selbst.

Medical Crowd-Sourcing ist die Medizin der Zukunft

Jeden Monat fluten nicht nur neue Medikamente den internationalen Markt, sondern auch medizinische Geräte, Behandlungsmethoden, Erkenntnisse. Kein Arzt ist in der Lage, dieser Vielzahl von Informationen und Neuerungen zuverlässig Herr zu werden, sie zu bewerten und gleichermaßen in den Praxis- und Behandlungsalltag einfließen zu lassen. Die Lösung liegt daher in der Bündelung von Kräften. Kräfte und Wissen, das sich gegenseitig ergänzt und die Meinung und Erfahrung eines Einzelnen in der Bedeutung zurückstellt.

Diese neue Bedeutungsperspektive ist jedoch keine Degradierung der Ärzte-Rolle. Vielmehr entwickelt sich das, was im Kleinen bereits immer stattgefunden hat: der Austausch im eigenen Netzwerk, um über die beste Lösung für Patienten zu befinden. Die Zweitmeinung bildet hier keine Ausnahme und sollte von allen Kollegen im Sinne eines Konsils unter Ärzten verstanden und befürwortet werden.

Mit der Digitalisierung vergrößert sich der Wirkungsraum um internationale Erfahrungen, Ansichten, Meinungen. Ein riesiges Potenzial verbirgt sich dahinter – für die Medizin, vor allem aber auch für den Patienten. Für mich steht fest: echte medizinische Probleme lassen sich nur durch die Macht und das Wissen von vielen lösen. Wir müssen loslassen von jenen alten Paradigmen. Wir müssen jedoch auch damit aufhören, Entwicklungen wie diese als Bedrohung unseres Standes wahrzunehmen und Eitelkeit über die Interessen von Patienten zu stellen. Dann gelingt es uns auch, die medizinische Zweitmeinung als das zu sehen, was es ist: eine Chance zu einer alternativen, womöglich auch besseren Behandlungsoption. Eine Operation sollte immer das letzte Mittel der Wahl sein.

Über Dr. Jan-Christoph Loh
Dr. Jan-Christoph Loh ist Geschäftsführer der Medexo GmbH, einem Anbieter für neutrale, medizinische Zweitmeinungen. Er studierte Medizin an der Universität Ulm, wo er auch promovierte. Nach mehr als 4 Jahren klinischer Tätigkeit an der Charité und am Vivantes Klinikum im Friedrichshain gründete er mit Herrn Prof. Pässler und anderen Medexo.

Medexo im Web

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.